Newsletter Herbst 2025
Liebe Quartiernetz3-Gemeinde
Dieser Rundbrief kommt zugebenermassen etwas spät, aber er kommt! Das heisst nicht, dass wir untätig waren in den letzten Monaten.
Im Gegenteil: Mit der Meldung zum Baustopp auf der Ämtlerwiese schafften wir es kürzlich bis in die NZZ-Lokalnews. Aber auch weiteres Aktuelles haben wir auf unserer Webseite veröffentlicht. Eine Auswahl finden Sie in diesem Versand.
Ein besonderer Denkanstosss kommt diesmal von unserem Kolumnisten zur Entwicklung des Kreis3. Er nennt es die Transformation eines Mittelklassewagens zum Hipster-Hotspot und nimmt auch sonst kein Blatt vor den Mund.
Apropos Mittelklassewagen: Das sind die «Züri-Velos», für die gerade im Parkplätze geschaffen werden. Ein bunter Herbststrauss an Themen also.
Viel Lesespass wünscht
Ihr Quartiernetz3-Team
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Publibikes erobern Wiedikon
Veröffentlicht am: 10.11.2025
Leihvelos prägen das Bild vieler Städte. So auch das von Zürich. In der Limmatstadt gibt es bereits seit 2018 mit «Züri Velo» ein städtisches Bikesharing. Betrieben wird es vom Anbieter Publibike.
Seit der Lancierung ist das Angebot laufend ausgebaut und erweitert worden. Zuletzt hat die Stadt im Frühling einen starken Ausbau angekündigt. Bis Sommer 2026 sollen 250 Stationen und insgesamt 2500 Sharingbikes verfügbar sein. Sechs von zehn Verleihvelos werden E-Bikes sein.
Bis im Frühling 26 «Züri Velo»-Stationen geplant
Die Angebotserweiterung ist bereits in Gang – auch in Wiedikon. Im Kreis 3 werden sogar gegenüber dem aktuellen Stand noch weitere «Züri Velo»-Stationen hinzukommen. Gegenüber Quartiernetz3 teilt Nicola Kugelmeier vom Tiefbauamt mit, dass ab nächstem Frühling an insgesamt 26 «Züri Velo»-Stationen im Quartier Velos und E-Bikes zum Ausleihen bereitstünden. So soll auch beim Triemliplatz – beim Spital gab es bislang keine Leihvelos – eine Station eröffnet werden.
Velos im ganzen Quartier verteilt
Aufmerksamen Quartierbewohnerinnen und -bewohnern dürfte aber nicht entgangen sein, dass sich längst nicht alle Stationen des Leihveloanbieters an stark frequentierten Orten befinden. So etwa an der Saum-Bertastrasse. Nach dem Grund für den peripheren Platz gefragt, sagt Kugelmeier»: «Der Ausbau von 150 auf 250 Stationen deckt zum einen Randgebiete ab und zum anderen werden Netzlücken geschlossen. Ziel ist das Ausliehen der Velos innert nützlicher Gehdistanz für möglichst alle Quartierbewohnenden zu ermöglichen».
Velo-Stationen exklusiv für «Züri Velos»
Wer nun aber denkt, die Sharingbike-Stationen im Quartier könnten auch als gut zugängliche Veloparkplätze genutzt werden, wird enttäuscht. Laut dem Tiefbauamt stehen die Velostationen explizit für «Züri Velo» zur Verfügung. Private Fahrräder dürften dort nicht abgestellt werden.
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Der Depro-Teufel zu Besuch
Veröffentlicht am: 10.11.2025
In «Luzifers Burnout» erzählt der Zürcher Autor Alex Flach die Geschichte vom Teufel, der sich erschöpft eine Auszeit auf der Erde nimmt. Wie sich im Lauf der 300-seitigen Geschichte herausstellt, ist das eine schlechte Idee. Seine Abwesenheit führt zu Verwirrung und Unruhe im Himmel, während der Beelzebub auf der Erde menschliches Chaos erlebt. Alex Flach, Journalist und Experte für das Zürcher Nachtleben, schreibt humorvoll und tiefgründig über Erschöpfung, das Gute und das Schlechte sowie menschliche Beziehungen. Dazu inspiriert haben mögen ihn auch die Erfahrungen der Corona-Pandemie, als er dieses Buch im Lockdown schrieb.
Quicklebendig war denn auch kürzlich seine Lesung im Rahmen von «Zürich liest» im gut gefüllten Coiffeursalon MAD Lux am Goldbrunnenplatz. Inhaber Marc Menden, auch er kein Unbekannter im Nachtleben der letzten 20 Jahre (u.a. «Tonhalle Late»), führte durch den Abend. Es wurde immer wieder gelacht und geneckt – man kennt sich. Neu ist, dass nun auch neben den Verpflegungsangeboten am Goldbrunnenplatz Kultur stattfindet.
Auf Nachfrage von «Quartiernetz3», ob nun im Lux neben dem Haareschneiden auch ein Kulturangebot geplant sei, sagt Menden: «Nein, wir waren zum ersten Mal bei ‹Zürich liest› dabei.» Allerdings hatte eine Lesung bereits im vergangenen Frühling einen Versuchsballon bei einer anderen Reihe gestartet. Weil diese so gut ankam, habe man beschlossen, weitere Events durchzuführen.
Bushaltestellen-Umbau stellt Salon infrage
Die Aktivitäten werden jedoch durch andere Faktoren infrage gestellt. Menden umtreibt gerade der Umbau der Bushaltestelle direkt vor dem Eingang und eine Grossbaustelle hinter dem Haus. Von der Stadt sei man erst zwei Wochen vor Baubeginn informiert worden; Mailanfragen blieben länger unbeantwortet. Für das Gewerbe in dieser Umgebung, verbunden mit Fachkräftemangel, seien das harte Rahmenbedingungen für das Geschäft. Da sei es schwierig, längerfristig zu planen. Immerhin hätten sich die Verantwortlichen nun gemeldet und eine speditive Beendigung vor Mitte Dezember in Aussicht gestellt.
Somit könnte einem weiteren vergnüglichen Abend auch ohne Luzifer nichts im Wege stehen.
Alex Flach, Luzifers Burnout
Roman, Theo Gut Verlag, 300 Seiten, ca. Fr. 31.90. ISBN 978-3-907698-00-6
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Baustopp auf der Ämtlerwiese
Veröffentlicht am: 10.11.2025
Die umfassende Sanierung der Schulanlage war seit geraumer Zeit angekündigt, die Anwohnerschaft im letzten Dezember informiert worden. Noch im April hatte der Gemeinderat das Projekt etwas zurückgestutzt (QN3 berichtete). Planmässig fuhren im August die Bagger auf der Ämtlerwiese für Erdsondierungs-Arbeiten auf, damit die Wärmeversorgung der gesamten Anlage zukunftsfähig wird. Der damit verbundene Baulärm dauerte aber gerade Mal drei Wochen. Denn Anfang September wurden die Bagger abgestellt, am 11. September wurden sie abtransportiert. Grund dafür war ein Rekurs.
Rekurs gegen «unzureichende Ausschreibung»
Ein Anwohner hatte gegen die Baubewilligung für die Schulraumprovisorien an der Bertastrasse und die Erstellung einer Erdsonden-Wärmepumpenanlage an der Bertastrasse Einsprache erhoben. Diese Redaktion hatte als erstes Medium Einblick in die Unterlagen. Als Begründung wird dort eine «unzureichende Ausschreibung» angeführt. QN3 wollte vom Amt für Hochbauten wissen, wie es nun das weitere Vorgehen ist. Dieses schrieb: «Das Baurekursgericht hat den Rekursen eine aufschiebende Wirkung erteilt. Dies hat einen Baustopp zur Folge. Bis zu vorliegenden Gerichtsentscheiden liegt die Baustelle still».
Die Baumaschinen wurden abtransportiert
Für die Quartierbevölkerung wäre es wichtig zu wissen, mit welchen Verzögerungen zu rechnen ist und ob es bereits einen neuen Zeitplan für die Arbeiten gibt. Die Ämtlerwiese, ein beliebter Quartier-Treffpunkt, ist bereits heute mit den Vorbereitungsarbeiten auf Jahre hinaus stark beeinträchtigt. Ein Bauzaun trennt die Wiese in zwei gleich grosse Teile. Offenbar findet aber erst Mitte Dezember ein Ortstermin mit den Parteien statt.
Einsprache beim Baurekursgericht abgewiesen
Die Projektleiteitung wollte gegenüber QN3 keine weitere Stellung nehmen, da es sich «um laufende Verfahren handelt». Somit seien auch keine Informationen zu den Rekursen sowie der Einfluss auf die geplanten Termine möglich. Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, dass das Baubewilligungsverfahren für die Erdwärmesonden-Wärmepumpenanlage korrekt im Meldeverfahren erfolgt sei. Wie das Amt für Hochbauten dem Quartiernetz kürzlich mitteilte, hat das Baurekursgericht inzwischen die Einsprache abgewiesen und der Bauherrschaft Recht gegeben. Grund für die Abweisung war, dass der Rekurrent mangels einer besonderen Betroffenheit nicht berechtigt gewesen sei, ein Rechtsmittel zu ergreifen. Der Rekurrent hat den Rekurs an das Verwaltungsgericht weitergezogen.
Pop-Up-Pumptrack als Übergangslösung?
Der Gang an die Gerichte verheisst in den wenigsten Fällen eine schnelle Lösung und darum wurden schon im September die Bagger abtransportiert. Mit dem Gang ans Verwaltungsricht wird es auch nicht schneller gehen. Verschiedene Medien haben inzwischen auch über den Stillstand auf der Ämtlerwiese berichtet (NZZ, QV3). Die Wiese präsentiert sich noch immer als nackte, umgepflügte Erdhalde.
Dem Schreibenden gehen dabei folgende Gedanken durch den Kopf: Wäre sie bereit für andere Abenteuer, etwa für einen Pop-Up-Pumptrack für die Quartierkids? Wäre doch jammerschade, wenn eine der Lieblingswiesen von Wiedikon nun längere Zeit einfach brachliegt, nur weil sich ein Anwohner und die Stadt fetzen. Gibt es noch andere Ideen? Histoire à suivre.
Der Spass für Gross und Klein neben dem Bauzaun geht weiter.
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Kippunkte - global und lokal
Veröffentlicht am: 10.11.2025
Damals galt das Quartier als solide, aber wenig glamourös – eine Art verlässlicher Mittelklassewagen unter Zürichs Stadtteilen. Mit dem Umbau des Idaplatzes und der Eröffnung der Westtangente kam einiges an Veränderung nach Wiedikon.
Der Rest ist Geschichte. Schon damals hatte man schon das Gefühl, Wiedkon sei Wiedikon hip. Mit jedem neuen frischen Frühling mit vielen (jungen) Leuten auf den Strassen unterwegs ging das so weiter, so dass man sich fragt: Wann kippt das Ganze? Wann ist genug genug ? Gibt es irgendwann eine Grenze ? Wann ist ein Quartier nachhaltig verändert?
Neophyten statt alteingessene Flora
In der Klimadebatte sprechen wir von Kippunkten – jenem Moment, wo Systeme unumkehrbar kippen. Schmilzt das Grönlandeis, gibts kein Zurück mehr. Ähnliches passiert schleichend in unserem Quartier, nur dass hier nicht Gletscher schmelzen, sondern Mietverträge.
Die Neophyten sind eingezogen. Gut ausgebildet, gut verdienend, mit Faible für Sourdough-Brot und Natural Wine. Sie bringen Leben ins Quartier: neue Cafés, Galerien, Yoga-Studios. Wiedikon pulsiert. Man könnte sagen: Es blüht. Doch wie bei echten Neophyten verdrängen die Neuankömmlinge die alteingesessene Flora.
Und auch wenn man einzelne Exemplare von Neophyten gut wieder ausreissen kann, meistens ist der Kampf tendenziell schon verloren bevor er überhaupt richtig begonnen hat.
Bestellung auf Englisch statt Frühfranzösisch
In gewissen Lokalen kann oder muss man mittlerweile auf Englisch bestellen. Immerhin: Das Frühenglisch in der Primarschule erübrigt sich damit für die nächste Generation – die Kids lernens beim Brunch. Bleibt mehr Zeit fürs Französische. Die cohasion federale dankt.
Doch der Preis für diese unfreiwillige Immersion ist hoch: Ein Kaffee kostet fünf Franken, der Small Talk, falls überhaupt vorhanden, kommt ohne Bezug zum Quartier aus.
Der Aufschwung als Abstieg
Der sozio-ökonomische Druck trifft vor allem jene, die schon da waren, als Wiedikon noch nicht cool war. Rentner, langjährige Mieter mit bescheidenem Einkommen, Leute, welche nicht auf Englisch bestellen können – sie erleben den Aufschwung als Abstieg. Ihre Lebenshaltungskosten steigen, ihr Platz schrumpft.
Die Frage ist: Gibt es einen Kippunkt der Gentrifizierung? Einen Moment, wo genug genug ist? Oder ist das System auf ewiges Wachstum programmiert, bis auch der letzte Altmieter weichen muss?
Vielleicht ist die eigentliche Erkenntnis: Kippunkte entstehen nicht plötzlich. Sie sind das Resultat vieler kleiner Entscheide – global wie lokal. Und wenn wir sie erkennen, ists meist schon zu spät.
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