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Urs Rauber, wie immer in Aktion.

Wechsel beim Quartierverein Wiedikon

Nach neun Jahren ist Urs Rauber als Präsident des Quartiervereins Wiedikon zurückgetreten. Ein Rückblick und eine Würdigung aus Quartiersicht.


Pete Mijnssen, Foto: zVg

Ende März, an der 110. Generalversammlung, fand die Stabsübergabe von Urs Rauber (78) an seinen Nachfolger Josef «Sepp» Widler statt. Widler ist Hausarzt und gehört im Kantonsrat zur Mitte-Fraktion. Er ist zwar «nur» sieben Jahre jünger als sein Vorgänger, erst 21 Jahre zählt aber das neuste Vorstands-Mitglied, wie an der Versammlung stolz vermerkt wurde. Zurückgetreten sind zudem Vizepräsident Roland Scheck, Doris Egli und Maria Giannoccolo. Der Quartierverein Wiedikon zählt 1391 Mitglieder – 118 mehr als im Vorjahr.

Turbulente Jahre

Die Amtszeit von Rauber, der vor seiner Pensionierung bei der NZZ am Sonntag gearbeitet hatte, lässt sich grob in die Vor- und Nach-Coronazeit einordnen. Herrschte bis 2020 noch mehr oder weniger courant normal im Quartier, änderte sich dies mit der Pandemie schlagartig. Der Friedhof Sihlfeld und dessen Umgebung wurden beispielsweise zum Hotspot von Auseinandersetzungen. So gab es rund um die Ämtlerwiese mehrere schwere Gewalttaten. Eine Amokfahrt mit einem gestohlenen Auto durch den Friedhof verlief nur mit viel Glück glimpflich. Viel Arbeit für den Quartiervereins-Präsidenten, der sich unter anderem gegen die nächtliche Öffnung des Friedhofs vehement zur Wehr setzte, wie ein Rundschau-Bericht von SRF aus dem Jahr 2021 zeigt. So vertrat Rauber meist rechtsbürgerliche Positionen, stand aber auch für einen liberalen Markt ein, etwa bei den im Quartier umstrittenen Mediterranen Nächten. Diese Regelung erlaubt es Bar- und Restaurantbetreibenden auch in Wiedikon bis 2 Uhr früh ihre Restaurantterrassen offen zu halten. Den Start des Pilotprojekts Netto Null in Alt-Wiedikon/Binz wird der Quartierverein mit kritischer Distanz begleiten und verlangte in seiner Stellungnahme im letzten Jahr eine deutliche Redimensionierung des Projekts. Positiv vermerken darf man die Belebung des Brupbacherplatzes durch den wöchentlichen Brupbi-Markt, der vor fünf Jahren auf Initiative des Quartiervereins entstanden ist. Desgleichen auch dessen Anti-Littering-Kampagne.

Der Brupbi-Märt belebt das Quartier.
Der Brupbi-Märkt belebt das Quartier.

Stramm rechtsbürgerlich und gegen Stadt

Vorne mit dabei war Rauber bei der Kritik an der neuen Subventionsregelung der Quartiervereine mit der Stadt. Der Zusammenarbeit auf neuer Basis ist Opposition erwachsen. So verzichten erste Vereine lieber auf finanzielle Unterstützung, als die neuen Bedingungen zu akzeptieren. Rauber argumentierte gegenüber Tsüri.ch, diese hätten sich zu «einem Instrument der Disziplinierung gewandelt». Die neuen Bestimmungen sähen strengere Berichtspflichten, engere Leistungsziele und eine verstärkte Aufsicht vor. Überhaupt hätte sich in den letzten Jahren die Tendenz zur Kontrolle und Bevormundung durch die Stadt massiv verstärkt. «Das Vorgehen der Stadtverwaltung hat nichts mehr mit einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu tun. Es ist Politik vom hohen Ross herab», so Rauber. Die Generalversammlung des Quartiervereins lehnte den neuen Vertrag denn auch ab.

Von der Ära Rauber bleibt das Bild eines engagierten Quartierbewohners, der in diesem überwiegend links tickenden Kreis rechtsliberale Werte mit Überzeugung vertrat und für klare Werte einstand. Einzig bei diesem brennenden Themenkreis ist der Quartierverein leise geblieben: bei der Wohungsnot. Nichts gibts zu hören zur Überhitzung der Immobilienpreise, den hohen Mieten und Airbnb-Missbrauch bei Liegenschaften.