
Der soziale Hifi-Händler geht
Nach über 30 Jahren schliesst das Hifi-Geschäft Cuel seine Türe. Das Quartier verliert damit mehr als nur ein Geschäft für hochwertige Musikanlagen.
Pete Mijnssen, Text und Fotos
Beat Schmid hat noch immer alle Hände voll zu tun, obwohl der Laden seit über einem Monat geschlossen ist. «Viele Kundinnen und Kunden wollen noch etwas bestellen, jetzt wo wir aufhören», sagt Beat Schmid im halb geräumten Ladenlokal im Hinterhof an der Birmensdorferstrasse. Tatsächlich können sich viele nicht vorstellen, dass dieses Geschäft für immer geschlossen bleiben wird – auch wenn sie in den letzten Jahren immer weniger den Fuss in dessen Tür gesetzt hatten. Tatsächlich verschwindet damit mehr als ein reiner Hifi-Laden.
Prägende Kindheit auf dem Bauernhof
Um Schmid zu verstehen, muss man zurück in seine Familiengeschichte im Luzerner Hinterland. Aufgewachsen auf einem Bauernhof als Mittlerer von acht Geschwistern sassen dort schon mal zwanzig Personen mit am Tisch erzählt Schmid bei einem Kaffee: «Das waren Saisoniers und Praktikantinnen und Prakatikanten, die im Sommer mitanpacken mussten.» Das soziale Zentrum war die Mutter, die das ganze Geschehen im Griff hatte. Für Schmid war das Bauern jedoch nie ein Thema, viel lieber experimentierte er im Garten mit Radiogeräten. «Für meine Familie war ich ein gefährlicher Bastler», so Schmid. So fiel es auch nicht auf, dass er mal ein paar Tage fehlte und bei der Verwandtschaft untergetaucht war. Aber auch Elends-Bilder prägten ihn. Etwa, wenn im Frühling verwahrloste Gestalten aus den Wäldern zum Hof kamen und von der Mutter versorgt wurden – meistens mit Alkoholikas. Wie er später erfuhr, waren es Männer, die als frühere Verdingbuben auf dem Hof arbeiten mussten. In den Wäldern überwinterten sie meist als Gruppen in einfachen Hütten. Wenig überraschend staute sich bei ihnen oft Hass und Wut auf, was zu gefürchteten Hofbränden führte. Auch Suizide waren an der Tagesordnung. Erst die Schaffung von Bürgerhäusern ab Mitte der Siebzigerjahre linderten das Elend.
Beat Schmid erzählt im Café Ferdinand aus seinem Leben.
Vom Land nach Zürich
Deren Schicksalen begegnete Schmid dort wieder als Radio und Fernsehtechniker, wo er Fernseher installierte. Später verschlug es ihn nach Zürich, wo er bei Ex Libris seiner Leidenschaft frönen durfte. Sein Herz schlug höher beim Sound von Electro-Voice Röhrenverstärkern und riesigen JBL-Boxen. Dabei ging und geht es noch immer darum, den naturgetreuen Konzertklang ins Wohnzimmer zu bringen. Bis in die Neunzigerjahre waren es goldene Zeiten für die Hifi-Branche. In dieser Zeit übernahm Schmid das Geschäft Cuel, das er dreissig Jahre lang führte. In den letzten 9 Jahre mit Stefan Jenni.
Seine Luzerner Wurzeln hat Schmid nie vergessen. Auch in seinem Geschäft gab er immer auch Menschen mit Berufsschschwierigkeiten und Beeinträchtigen eine Chance. Und bei Cuel fanden immer wieder auch Konzerte statt. Mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stand auch immer ein Besuch vom KKL Luzern, der Tonhalle und der Elbphilharmonie auf dem Programm. Hören in Reinkultur eben.
Der Markt hat sich gewandelt
Mit der Digitalisierung und Veränderungen im Markt hat sich auch dieses Geschäftsfeld stark verändert. Das Geschäft mit Fernsehern gibt es entweder nicht mehr, oder findet nur noch online statt. Mit dem Vinyl-Revival ist der Plattenspieler zwar wieder zurück, aber bei gesunkenen Margen kann der Fachhandel beim Massengeschäft nicht mithalten. Zudem ist die Kunden-Anspruchshaltung gestiegen, bei gleichzeitig schwindender Bereitschaft, für Qualität zu zahlen.
Schmid versuchte vor zwei Jahren eine Nachfolge aufzugleisen. Ohne Erfolg: «es gab keinen einzigen Treffer». Offenbar ist kaum jemanden mehr bereit, für seine Leidenschaft auch Freizeit zu opfern. Bei überschaubarem Gewinn notabene. Nun wird das Hinterhofgebäude wahrscheinlich für Wohnungen umgebaut.