
Baustelle: die, Substantiv, feminin
Die Duden-Definition für Baustelle fällt relativ dürftig aus. Vor allem auch gemessen an der Menge an sprichwörtlicher Unruhe, welche eine solche Baustelle potenziell hervorrufen kann. Sagt unser Quartierkolumnist.
Stefan Claudio, Text / Pablo Heimplatz, Unsplash, Foto
Mit Baustellen es so eine Sache: die einen lieben sie, die anderen nicht. Bei den eigenen periodischen beruflichen Kontakten mit Baustellen hat sich bei mir jedenfalls noch keine Baustellenromantik entwickeln können. Emissionen wie Lärm, Dreck, Lieferverkehr und ähnliches können je nach Art und Grösse der Baustelle können einem sprichwörtlich den Schlaf und anderes rauben. Der Schreibende weiss, wovon er spricht, hat er doch momentan die Möglichkeit, in seinem Hinterhof auf 3 verschiedenen Baustellen den Arbeitern bei Ihrem Tun zuschauen zu können. Zum Glück definiert der Duden eine Baustelle auch als etwas Temporäres, unfertiges; es besteht also Hoffnung auf Besserung (der Emissionen).
Ohne Baustellen keine Pyramiden
Und hier wird der Baustelle dann effektiv auch unrecht getan. Sie ist untrennbar mit der menschlichen Siedlungsgeschichte verbunden und begleitet uns Menschen bereits seit längerem. Ohne Baustelle keine Bauwerke wie Häuser, Brücken, Tunnel etc. So haben sich die Pyramiden und anderen Bauwerke der Ägypter ja auch nicht ohne Baustellen von einem Tag auf den anderen selber materialisiert. Nicht bekannt ist, ob sich schon damals entlang des Nils sich viele über den Lärm und Dreck beschweren konnten. Vermutlich hatte dannzumal das einfache Volk wenig dazu zu sagen.
Alle brauchen sie, niemand will sie
Heute kann der NIMBY-Faktor beim Thema Baustelle schnell sehr hoch sein. Alle brauchen sie, niemand will sie. Noch weniger Emissionen von anderen Baustellen. Aber wenn dann das Dach des eigenen Hauses notfallmässig saniert oder die Folgen eines Brandes im Haus beseitigt werden müssen, sieht das Bild natürlich schon ganz anders aus.
Nicht einverstanden? Klagen!
Was kann man/frau nun machen, wenn bei einem selber der Beziehungsstatus zur nicht-eigenen Baustelle mindestens als schwierig eingestuft wird? Ganz einfach: Klagen Sie, Erheben Sie Einspruch! Zum Glück gibt es dafür dieses Instrument im Rechtstaat, mit welchem auch ein einfacher Bürger sich wehren kann. Wobei fraglich ist, wie lange dies in der aktuellen Form noch möglich sein wird. Das Klagerecht bei Bauprojekten ist ja in letzter Zeit ziemlich in Verruf geraten und wird eher als Verhinderungsinstrument angesehen. Interessanterweise überwiegend von jenen politischen Kreisen, welche sonst Anhänger eines starken Rechtsstaats und dessen Durchsetzung sind.
Im Normalfall temporär
Gute Nachrichten gibt es dafür für Fans von Baustellen. Es werden garantiert nicht weniger werden! Eines der für die Lösung der Wohnungsnot propagierten Mittel ist ja seit Jahren die ominöse Aufstockung von Häusern oder ganzen Strassenzüge. Haben Sie eine Ahnung wie viele neue Baustellen dafür entstehen müssten? Mit der irgendwann nötigen energetischen Sanierung der Bausubstanz aus Nachkriegsjahren fange ich jetzt gar nicht an. Sie sehen: die nächste Baustelle kommt bestimmt. Glücklicherweise sind die im Normalfall temporär.