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Kein Club – die Räume an der Bertastrasse 6 werden zurzeit renoviert.

Knatsch um dicke Berta

Anfang Jahr sorgte die Ankündigung eines 24-Stunden-Clubs an der Bertastrasse für Wirbel. Nun ist das Projekt sang- und klanglos beerdigt worden. Hinter den Kulissen wird aber weiter gestritten.


Pete Mijnssen (Text und Fotos)

Der Plan war kühn und die Meinungen im Quartier von Anfang an geteilt: Die Gastrofirma «Dicke Berta AG» plante auf den Herbst in der ehemaligen Brockistube an der Bertastrasse 6 einen Club mit ausgedehnten Tages- und Nacht-Betriebszeiten am Wochenende zu eröffnen (QN3 berichtete). Eine Bewilligung der Bausektion hatte sie dazu bereits in der Tasche. Die Stadt erhoffte sich damit eine Beruhigung der Nachtaktivitäten rund um das Lochergut – ein Ort, wo sich Nachtschwärmer dann in diesen Räumen aufhalten würden, statt auf den umliegenden Strassen zu krakeelen. So die sinngemässe Begründung.

Der Protest aus dem Quartier führt zu Konkurs
Die Anwohner:innenschaft sah das aber anders. 36 Parteien aus den umliegenden Liegenschaften deckten die Stadt in der Folge mit einem Sammelrekurs ein. Darin bemängelten sie unter anderem «die nachlässig durchdachte Baueingabe, diverse baurechtliche Mängel und Verletzungen umweltrechtlicher Vorgaben». Die «IG Innehof» befürchtete, dass der Stadtrat in einem – mit einem gesetzlich vorgeschriebenen Wohnanteil von mindestens 80% – sehr dicht bewohnten Quartier der Stadt Zürich einen Präzedenzfall schaffe und ein beunruhigendes Signal setze. Beim traditionellen stadträtlichen Quartierrundgang im Juni deponierten sie ihren Protest und ihre Bedenken zum «Thema quartierverträgliche Nutzungsbalance», wie es der Quartierverein beschrieb. Danach wurde es ruhig um das Projekt.

Dicke Luft zwischen Betreiber und Hausbesitzer
Am 11. November vermeldete das Portal Moneyhouse die Konkurseröffnung, bzw. Liquidation der Gastrofirma. Auf Anfrage von Quartiernetz3 bestätigt Geschäftsführer Markus Lichtenstein, dass es aufgrund des Widerstands im Quartier «nicht mehr möglich war, das Projekt zu finanzieren.» Für alles weitere wird an den Hausbesitzer Eduard Barcikowsky verwiesen. Dort ist man schlecht auf die Firma und die dahinter stehenden Gastronomen von Smith & Smith zu sprechen.
Barcikowsky distanziert sich inzwischen vom Projekt und schreibt: «Die Gastrolösung war von Anfang nicht unsere erste Wahl, sondern entwickelte sich über eine Galerie, welche dann etwas Gastro für Vernissagen beiziehen wollte und so "in die Fänge" der erwähnten Personen geriet.» Man habe die «Dicke Berta AG» in der Folge mit einer einstweiligen Schadenersatzforderung von ca. 100'000 CHF konfrontiert. Kern des Streits soll eine ohne Wissen des Hausbesitzers abgeänderte Betriebsbewilligung sein, welche QN3 vorliegt. Lichtenstein sieht das ganz anders und kommentiert, dass man «einer etwaigen Klage gelassen entgegenschaue». Juristenfutter? Fortsetzung folgt.

In den nun frei gewordenen Räumen zieht zwischenzeitlich eine Werbeagentur ein. «Dass hier in Zukunft eine Gastrolösung realisiert wird, ist äusserst unwahrscheinlich», schreibt der Hausbesitzer. Die Situation müsse neu evaluiert werden.

Fragen zum Bewilligungsverfahren
Einige Frage bleiben: wie konnte es soweit kommen, dass die Bausektion eine Bewilligung an diesem Ort erteilte, obwohl sie davon ausgehen konnte, dass sich Widerstand gegen einen Club in diesem Wohnquartier bilden würde? Wurde da bei der Vergabe gepfuscht, der Wohnanteil übersehen? Oder sollte damit ein Versuchsballon gestartet werden, um die Grenzen der medial vieldiskutierten «mediterranen Nächte» auszuloten? Klar ist, dass dabei ein Imageschaden zurückbleibt. Zu hoffen ist auch, dass der unsägliche Name «Dicke Berta» aus dem hiesigen Wortschatz verschwindet. Die «Dicke Bertha» war nämlich ein deutsches Geschütz im Ersten Weltkrieg. In diesem Sinn, friedliche Weihnachten!